In Großbritannien lief vor einigen Jahren eine Kampagne, die Kinder dazu bringen sollte, mehr Gemüse zu essen, und sie tat dabei etwas, das jedem Ernährungsbeauftragten zunächst falsch vorgekommen sein muss. Sie erklärte den Kindern nicht, dass Gemüse gesund sei. Sie sagte kein Wort über Vitamine, über Konzentration im Unterricht, über das spätere Leben. Stattdessen erklärte sie das Gemüse zum Feind. Die Möhren, die Erbsen, der Brokkoli wurden zu Bösewichten aus der Erde, die man besiegen musste, indem man sie aß. Eat Them to Defeat Them hieß das, und in der Auswertung berichteten 45 Prozent der Kinder und 31 Prozent der Eltern, die die Werbung gesehen hatten, dass danach mehr Gemüse gegessen wurde.

Das Interessante daran ist nicht der Erfolg. Das Interessante ist, dass dieselbe Botschaft, mit dem ehrlichen, vernünftigen, gesundheitspädagogisch korrekten Argument verpackt, zuverlässig schlechter funktioniert hätte, und zwar messbar. Eine Studie aus Stanford von Turnwald, Boles und Crum hat 2017 in einer Mensa über ein ganzes Quartal hinweg dieselben Gemüse mal mit gesundheitsbetonten, mal mit genussbetonten Etiketten angeboten, und unter dem genussbetonten Schild griffen 41 Prozent mehr Menschen zu. Es war buchstäblich dieselbe Möhre.

Wer diese beiden Beobachtungen nebeneinanderlegt, hat schon die unbequemste Eigenschaft fast jeder gut gemeinten Kommunikation vor sich: das richtige Argument und die wirksame Botschaft sind selten dasselbe, und überraschend oft sind sie Gegner. Und genau hier beginnt das Problem der deutschen politischen Kommunikation, die in vier ihrer größten Felder, Rente, Klima, Migration und Verteidigung, fast ausnahmslos über die Gefahr eingestiegen wird.

Der Reflex, mit dem alles anfängt

Ein Politiker, der über die Rente spricht, geht selbstverständlich davon aus, dass das Thema wichtig genug ist, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu rechtfertigen. Diese Annahme fühlt sich so offensichtlich an, dass man sie nie ausspricht, und sie ist trotzdem falsch, nicht weil die Rente unwichtig wäre, sondern weil Wichtigkeit und Aufmerksamkeit überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Der Mensch, den man im Moment der Sendung erreichen will, denkt an seinen Kühlschrank, an einen Streit von gestern, an das, was morgen früh ansteht, und an ungefähr ein Dutzend andere Dinge, die für sein Leben unmittelbarer sind als die demografische Kurve der gesetzlichen Rentenversicherung.

Das ist keine Dummheit und keine Gleichgültigkeit im moralischen Sinn, sondern die normale Ökonomie der Aufmerksamkeit, die immer knapper ist als die Menge der Themen, die Anspruch auf sie erheben. Der Normalzustand des Publikums gegenüber fast jedem politischen Thema ist nicht Ablehnung, nicht Feindseligkeit, sondern schlicht Abwesenheit, die Tatsache, dass das Thema bisher keinen einzigen Grund geliefert hat, warum es ausgerechnet jetzt, heute, für diesen Menschen relevant sein sollte.

Wer diesen Zustand durchbrechen will, und das wollen Politik wie Medien, greift fast automatisch zu dem einen Werkzeug, das schnell genug wirkt: Gefahr. Eine Bedrohung erzeugt Aufmerksamkeit, weil das Gehirn für Gefahrensignale eine evolutionär bevorzugte Verarbeitungsroute besitzt, die andere Inhalte für einen Moment beiseiteschiebt. Das funktioniert, in dem engen Sinn, dass die Aufmerksamkeit tatsächlich entsteht. Was danach geschieht, liegt jenseits des Messbereichs derer, die die Aufmerksamkeit erzeugt haben, und deshalb fällt niemandem auf, dass der nächste Schritt, in dem aus dem erzeugten Bewusstsein irgendeine Handlung werden soll, durch genau denselben Mechanismus beschädigt wurde, der die Aufmerksamkeit überhaupt erst hergestellt hat.

Warum die Information lieber weggeschaut wird

Der Grund dafür hat einen Namen, auch wenn er in deutschen Talkshows nicht vorkommt. Der Ökonom George Loewenstein hat ihn ursprünglich an einer Beobachtung über Aktienanleger festgemacht: Menschen prüfen ihr Depot häufiger, wenn die Kurse steigen, und hören auf hinzuschauen, wenn die Kurse fallen, obwohl die Information in beiden Richtungen exakt gleich wertvoll wäre. Karlsson, Loewenstein und Seppi nannten das den Ostrich-Effekt, nach dem Vogel, der angeblich den Kopf in den Sand steckt. Im Kern ist es Informationsvermeidung unter wahrgenommenem Kontrollverlust: wenn eine Information nur Schmerz produziert, ohne handlungsfähig zu machen, ist es vollkommen rational, sie nicht aufzunehmen.

Übertragen auf die politische Kommunikation heißt das: Eine Bedrohung, die groß genug kommuniziert wird, um wahrgenommen zu werden, aber keine konkrete, im eigenen Leben abbildbare Handlung anbietet, erzeugt nicht Handlungsbereitschaft, sondern Abschirmung. Der Mensch, der nach dem dritten Klimabericht im Abendprogramm nichts an seinem Verhalten ändert, ist nicht irrational. Er hat gelernt, dass die Information über das Klima für ihn persönlich keine Handlung zugänglich macht, die einen Unterschied erkennen ließe, und hat sie folgerichtig als für sich irrelevant abgelegt. Das ist kein Defekt der Psyche, das ist eine Psyche, die sich vor folgenlosem Unbehagen schützt.

Die Klimaforschung hat diesen Befund inzwischen so oft repliziert, dass er in der Praxis eigentlich nicht mehr ignoriert werden dürfte. Das Yale Program on Climate Change Communication zeigt konsistent, dass Bedrohungsframing bei diffusen, weit entfernten, komplexen Risiken nicht die Bereitschaft zum Handeln erhöht, sondern die psychologische Distanz, also genau jenen Abstand, der das Problem als real, aber nicht meins klassifiziert. Angst ohne Handlungsmöglichkeit verschiebt das Thema nicht näher heran, sie schiebt es weiter weg.

Aus der Praxis · Gebäudeenergiegesetz 2023

Die Debatte um das sogenannte Heizungsgesetz im Jahr 2023 ist der Lehrbuchfall in Echtzeit. Kommuniziert wurde im Wesentlichen eine Pflicht mit Frist, kombiniert mit finanzieller Unsicherheit, deren Höhe über Monate unklar blieb, was selbst eine spätere Analyse des Progressiven Zentrums und Robert Habecks eigenes Eingeständnis von Kommunikationsfehlern festhalten.

Das Ergebnis war nicht, dass die Menschen ihre Heizung wechselten. Das Ergebnis war eine politische Mobilisierung gegen die Maßnahme selbst. Die Bedrohungswahrnehmung war hoch genug, um Widerstand auszulösen, aber zu diffus, um konstruktives Handeln zu ermöglichen, und das ist der Ostrich-Effekt in seiner zerstörerischsten Variante: nicht Wegschauen, sondern aktive Gegenwehr.

Die Mauer, die man sich selbst baut

Hier ist der Punkt, an dem die Diagnose von einem ärgerlichen Detail zu einem strukturellen Befund wird. Für den kurzen, schnellen Gewinn, die Indifferenz mit Gefahr zu durchbrechen, zahlt man einen Preis, der erst später fällig wird und dann den eigentlichen Auftrag teurer macht, als hätte man gar nicht erst angefangen. Man erkauft sich die Aufmerksamkeit der ersten Sekunde, indem man dieselbe Sekunde benutzt, um eine Barriere gegen alles Weitere zu errichten. Wer mit Angst startet, hat die Mitnahme der Zielgruppe schon boykottiert, bevor er den ersten konstruktiven Satz gesagt hat.

Damit ist die unbequeme Wahrheit ausgesprochen, die man zunächst einfach stehen lassen muss, bevor man über Lösungen redet: das System der Massenmedien und das System der Verhaltensänderung sind strukturell nicht kompatibel. Medien haben nicht aus Bosheit gelernt, mit Angst zu arbeiten, sie haben festgestellt, dass Angst Klicks erzeugt, weil Menschen auf Angst reagieren, und daraus ein funktionierendes Geschäftsmodell gebaut. Das ist kein Fehler in ihrem System, das ist die saubere Optimierung auf ihre Zielgröße, nämlich Aufmerksamkeit. Nur ist diese Zielgröße mit der gesellschaftlichen Zielgröße, der tatsächlichen Verhaltensänderung, im Kern unvereinbar.

Und nun kommt die Korrektur, die das Problem schlimmer macht, statt es zu lindern. Man könnte annehmen, die Beteiligten wüssten das auf irgendeiner Ebene und nähmen den Schaden billigend in Kauf. Das ist vermutlich zu optimistisch. Wahrscheinlicher ist, dass dieser Gedankengang gar nicht gemacht wird, weil Aufmerksamkeit und Verhaltensänderung in vollständig getrennten Silos verantwortet werden, von verschiedenen Menschen, gemessen an verschiedenen Kennzahlen. Der Redaktionsleiter optimiert auf Reichweite. Der Wahlkampfstratege optimiert auf Aufmerksamkeitspunkte in der entscheidenden Woche. Der Kommunikationswissenschaftler veröffentlicht über Framing-Effekte in Fachzeitschriften, die keiner der beiden liest. Und niemand in dieser Kette ist dafür zuständig, was am Ende wirklich passiert, wenn die Zuschauer nach der Sendung die Heizung anlassen, die Rentenplanung weiter aufschieben oder beim nächsten Mal ihr Kreuz dort machen, wo ihr Ärger am lautesten artikuliert wurde.

Dass das eine den nächsten Schritt kannibalisiert, ist also kein Versagen von Akteuren, die es besser wissen müssten. Es ist die normale Funktionsweise eines Systems, das für Aufmerksamkeit gebaut wurde und nie für irgendetwas anderes. Wer es ändern will, muss zuerst überhaupt erkennen, dass die Kommunikationsform selbst Teil des Problems ist, und nicht ein neutraler Kanal, durch den man bessere Inhalte schicken könnte.

Wie es anders aussieht, wenn jemand es ernst meint

Wie der andere Weg konkret aussieht, lässt sich an zwei weiteren britischen Kampagnen zeigen, die beide auf etwas verzichten, das in der deutschen Politik fast unverzichtbar scheint: den erhobenen Zeigefinger und die Gefahr.

Die erste ist eine Reihe von Spots der staatlichen Gesundheitsbehörde aus den späten Achtzigern, in einer Zeit, in der über Aids fast nur in der Tonlage der Katastrophe gesprochen wurde. Der berüchtigtste britische Spot jener Jahre, Don't Die of Ignorance von 1987, zeigte einen in Stein gemeißelten Grabstein und einen aus dem Dunkel berstenden Felsen, untermalt von der Stimme John Hurts, und er ist genau das, was man heute über Bedrohungsframing weiß: maximale Angst, maximale Erinnerung an das Plakat, minimale Auskunft darüber, was der Einzelne im Alltag konkret tun soll. Dagegen stand wenig später eine Plakatkampagne mit einer erfundenen Figur namens Mrs. Dawson, einer Fabrikarbeiterin in einem Kondomwerk, deren Botschaft sinngemäß lautete, man möge Mrs. Dawson schön beschäftigt halten und Kondome benutzen. Die Pointe steckt nicht im Witz, sondern in der Tonalität: wenn eine ältere Fabrikarbeiterin das Thema so sachlich behandelt wie Produktionszahlen, dann verliert es jede Peinlichkeit und wird zu etwas vollkommen Normalem, über das man eben redet. Der Mrs.-Dawson-Auftritt ist bis heute in der Sammlung des Science Museum dokumentiert.

Das ist die dritte Messenger-Kategorie, die in der politischen Debatte fast immer übersehen wird. Man kennt den Experten, der durch Autorität wirkt, und man kennt den Ähnlichen, der wirkt, weil er ist wie das Publikum. Mrs. Dawson ist weder das eine noch das andere, sie ähnelt keinem 25-Jährigen, den ein Kreativteam ansprechen wollte, und sie wirkt trotzdem normalisierend, weil die richtige Frage nie war, ob diese Person aussieht wie das Publikum, sondern was diese Person über das Verhalten signalisiert. Sie signalisiert: das ist normal, darüber muss man nicht erschrecken.

Die zweite Kampagne ist eine langjährige Reihe für eine britische Bahngesellschaft, animiert im Stil der Kinderbuchreihe rund um die Fünf Freunde von Enid Blyton. Eine Gruppe von Kindern reist mit dem Zug ins Land, während andere die gleiche Strecke mit dem Auto fahren, und die Kinder im Zug kommen zuerst an. Kein Wort über Nachhaltigkeit, kein Wort über CO2, keine Pflicht. Stattdessen konkrete Figuren, eine konkrete Entscheidung und ein konkreter Ausgang, den man selbst herbeiführen kann. Genau das fehlte der Zeitenwende-Rede von 2022 vollständig, jenem Versuch, die deutsche Haltung zur Verteidigung in einem einzigen Begriff umzudrehen: abstraktes historisches Gewicht, eine diffuse Bedrohung in tausend Kilometern Entfernung und eine Zahl, hundert Milliarden Sondervermögen, ohne jede Geschichte, an der sich irgendjemand hätte festhalten können.

Dass von der Zeitenwende drei Jahre später als Begriff fast nichts übrig ist, während sich an der gesellschaftlichen Haltung zur Wehrfähigkeit strukturell wenig verändert hat, ist keine Überraschung, sondern Gedächtnisforschung. Der Psychologe Ian Begg hat schon 1972 gezeigt, dass Menschen konkrete, bildhafte Formulierungen zu 36 Prozent erinnern, abstrakte Phrasen aber nur zu 9 Prozent, ein Faktor von vier. Ein Begriff wie Zeitenwende ist reine Abstraktion, und Abstraktion verdunstet.

Warum Handeln-Dürfen mehr zieht als Handeln-Müssen

Was diese funktionierenden Kampagnen verbindet, ist nicht die gute Laune, sondern dass sie dem Menschen etwas zu tun geben, das er selbst entscheidet. Die Kinder besiegen das Gemüse, sie werden nicht zum Essen verpflichtet. Die Fünf Freunde wählen den Zug, sie werden nicht zur Bahn ermahnt. Hinter dieser scheinbaren Kleinigkeit steckt einer der robustesten Befunde der Verhaltenspsychologie: Ellen Langer hat 1975 gezeigt, dass Menschen für ein Lotterielos, das sie selbst ausgewählt haben, deutlich mehr verlangen und es kaum hergeben wollen, verglichen mit einem zugeteilten Los identischer Gewinnchance. Das Gefühl, selbst gewählt zu haben, erzeugt einen Wert, den keine noch so dringliche Pflicht erzeugen kann.

Pflicht-Framing nimmt dem Menschen genau das. Es sagt ihm, dass er etwas tun muss, und es nimmt ihm im selben Atemzug die Würde der eigenen Entscheidung, weshalb der vorhersehbare Reflex nicht Kooperation ist, sondern Trotz. Eine Kommunikation, die Verhalten verändern will, klinkt sich stattdessen in eine Motivation ein, die ohnehin schon da ist, in das Bedürfnis nach Kompetenz, nach Kontrolle, nach Zugehörigkeit, und sie tut das, ohne je zu verlangen, dass die Person die Perspektive der Behörde übernimmt.

Daraus folgt der Ausgangspunkt, den ich die Indifferenz-Prämisse nenne, und er klingt zunächst fast wie eine Provokation: man beginnt mit der Annahme, dass das Publikum völlig recht damit hat, sich nicht für das Thema zu interessieren. Nicht aus rhetorischer Bescheidenheit, sondern als operative Grundlage. Wer von diesem Punkt aus startet und nicht von der Überzeugung, das eigene Thema sei wichtig genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen, kommt zu einer völlig anderen Frage. Nicht mehr, wie man das Thema relevant macht, sondern in welche bereits existierenden Alltagsentscheidungen, Identitäten und Motive sich das gewünschte Verhalten einbauen lässt, ohne dass die Person überhaupt merkt, dass sie eine politische Botschaft verarbeitet.

Die Kommunikation, die langfristig Verhalten verändert, ist strukturell unsichtbarer, schlechter zuschreibbar und langsamer als die, die Aufmerksamkeit erzeugt. In einem System, dessen einzige Währung Sichtbarkeit ist, hat sie kaum eine Chance.

Das ist die eigentliche Asymmetrie, und sie erklärt, warum besseres Wissen das Problem nicht löst. Der Akteur, der die Indifferenz-Prämisse anwenden würde, müsste kurzfristig auf die Aufmerksamkeit verzichten, die Angst sofort liefert, gegen die langfristige und in keiner Wahlperiode messbare Hoffnung, dass normalisierte, agency-basierte Kommunikation irgendwann Verhalten ändert. Solange Sichtbarkeit die einzige belohnte Größe bleibt, gewinnt keiner der Beteiligten etwas damit, den langsameren Weg zu gehen. Wer das ändern will, muss nicht an der Botschaft arbeiten, sondern an dem, was im System belohnt wird, und das ist eine erheblich härtere Aufgabe als ein besseres Skript.