Die Hypothese behauptet nicht, dass Menschen zynisch auf Zahlen reagieren, sondern dass sie lernen, und ein Kennzahlensystem ist ein Lehrer, der jeden Tag unterrichtet und dessen Lehrplan niemand geschrieben hat. Hypothese In ihren Bausteinen ist sie gut gestützt, als Gesamtmodell für ganze Organisationen ist sie bisher nicht systematisch getestet.
03Problem: Warum das teuer wird
Kosten lassen sich höchstens auf null senken, während Umsatz nach oben keine Grenze kennt, und in dieser schlichten Asymmetrie steckt das eigentliche Problem eines defensiven Kennzahlensystems: Es lenkt die gesamte Aufmerksamkeit einer Organisation auf die Seite der Rechnung, deren Ertrag begrenzt ist, und zieht sie von der Seite ab, deren Ertrag es nicht ist.
3M hat diese Verschiebung vorgeführt. Das Unternehmen hatte sich jahrzehntelang das Ziel gesetzt, rund 30 Prozent seines Umsatzes mit Produkten zu erzielen, die nur wenige Jahre alt sind. Nach der Einführung von Six Sigma unter James McNerney ab 2001 fiel dieser Anteil bis zu dessen Abschied 2005 auf rund 21 Prozent, und die Zeitschrift BusinessWeek beschrieb 2007 ausführlich, wie Effizienzmaßstäbe die Forschung erdrückt hatten. Fallbeispiel Bei Boeing sagte der damalige Chef der Verkehrsflugzeugsparte, Jim Albaugh, 2011 über das 787-Programm: „We spent a lot more money in trying to recover than we ever would have spent if we'd tried to keep the key technologies closer to home.“ Fallbeispiel
Der Schaden entsteht dabei nicht in einem einzigen Moment, der sich auf einem Dashboard zeigen würde, sondern als Summe tausender kleiner Entscheidungen, jede für sich vernünftig, bis eine Organisation ihre Fähigkeit zum Neuen verlernt hat und es erst bemerkt, wenn ein Wettbewerber sie vorführt. Wahrscheinlich verändert sich dabei auch die Belegschaft, weil Menschen, die gern etwas wagen, in einem solchen System selten befördert werden und früher gehen. Hypothese
Ein Kennzahlensystem ist ein Lehrer, der jeden Tag unterrichtet und dessen Lehrplan niemand geschrieben hat.
04Ansatz: Die Verlustaversion umlenken
Wer ein Dashboard entwirft, verlegt Gleise, auf denen später tausend kleine Entscheidungen ganz von selbst rollen, und die wirksamsten Umbauten versuchen nicht, die Verlustaversion der Menschen zu überwinden, sondern sie auf ein anderes Gleis zu setzen. Voraussetzung für alle folgenden Hebel ist die Kopplung aus der Kernthese: Anzeige, Auszahlung und Aufstieg müssen dieselbe Richtung haben. Die Buchstaben der Hebel tauchen im Dashboard-Beispiel unten wieder auf.
AWarten als Kostenposition zeigen. Das Konzept dafür heißt Cost of Delay und stammt aus der Produktentwicklung: Jedes Vorhaben erhält eine Schätzung dafür, was ein Monat Verzögerung kostet, und damit landet die Zeit auf derselben Verlustseite, auf der heute nur das Budget steht. Abwarten ist dann nicht mehr die sichere, sondern die teure Option, und dieselbe Verlustaversion, die bisher Projekte verhindert hat, drängt nun auf Tempo.
BKosteneinsparung als Umschichtung zählen. Eine eingesparte Summe gilt erst dann als voller Erfolg, wenn sie innerhalb von zwölf Monaten in dokumentierte Wachstumswetten umgeschichtet wurde, sodass die neue Kennzahl die Umschichtungsquote ist und nicht die Einsparung allein. Wer spart, verfügt über einen Teil dieses Geldes selbst, und Sparen wird damit zum Mittel, eigene Vorhaben zu finanzieren. Aus Gain-Sharing-Modellen weiß man, dass Menschen gründlicher nach Einsparungen suchen, wenn sie einen Teil davon behalten. Hypothese Für die Umschichtungsquote in genau dieser Form fehlt belastbare Empirie.
CDen Nenner schützen. Das interne Berichtswesen folgt keiner Bilanzvorschrift und darf deshalb ein Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen ausweisen, das laufende Geschäft und das Geschäft der Veränderung in getrennten Budgets führen und die Ausgaben für Neues aus der Marge herausnehmen, an der die Linie gemessen wird. Diese Trennung braucht eine Gegenkennzahl, weil sonst bald alles zur Zukunftsinvestition umetikettiert wird, und die beste Gegenkennzahl ist eine Kill-Rate, also der Anteil der Wetten, die nach vorher festgelegten Kriterien beendet wurden. Eine Kill-Rate von null ist dabei kein Erfolg, sondern ein Hinweis auf Innovationstheater.
DUnterlassung sichtbar machen. Auf das Dashboard gehört eine Zeile für abgelehnte und gestoppte Vorhaben mit ihrem geschätzten Potenzial, und der Bestand an laufenden Wetten erscheint dort als Vermögensposition statt als Kostenblock. Eine Vitalitätsquote nach dem Vorbild von 3M, also der Umsatzanteil von Produkten, die jünger als wenige Jahre sind, zwingt die Führung, den Umsatz von morgen als Pflicht zu behandeln. Fallbeispiel
EGetrennte Maßstäbe für getrennte Horizonte. Das Kerngeschäft darf weiter nach Effizienz gesteuert werden, während das Explorationsgeschäft Lernkennzahlen braucht: die Dauer eines Experimentierzyklus, die Zahl bestätigter und widerlegter Hypothesen, die Kosten je belastbarer Erkenntnis und die Kill-Rate. Eric Ries nennt das Innovation Accounting. Finanziert wird in Tranchen gegen Lernmeilensteine, so wie ein Risikokapitalgeber arbeitet, und diese Kennzahlen werden bewusst nicht in die Dashboards der Kostenstellen durchgereicht, wo man sie sofort mit Effizienzmaßstäben lesen würde.
FKorridor und Erwartungswert statt Plantreue. Rollierende Prognosen und relative Ziele gegenüber Wettbewerbern ersetzen den starren Plan, und die Svenska Handelsbanken arbeitet seit den 1970er Jahren ohne klassische Budgets, womit sie zum Vorbild der Beyond-Budgeting-Bewegung wurde. Fallbeispiel Gustavo Manso hat 2011 theoretisch gezeigt, dass Anreize, die frühes Scheitern tolerieren und langfristigen Erfolg belohnen, Innovation begünstigen, und Azoulay, Graff Zivin und Manso haben das im selben Jahr an Forschern des Howard Hughes Medical Institute bestätigt, die mit längeren Förderzyklen und mehr Fehlertoleranz mehr Durchbrüche und zugleich mehr Fehlschläge produzierten als vergleichbare Forscher mit NIH-Förderung. gut belegt
GAnordnung und Takt des Dashboards. Was oben links steht, bestimmt die erste Frage im Meeting, weshalb Optionsbestand und Pipeline dorthin gehören und nicht die Kostenabweichung. Andy Grove hat in „High Output Management“ empfohlen, jede Kennzahl mit einer Gegenkennzahl zu paaren, sodass die Kosten direkt neben dem Wachstum stehen, das sie ermöglichen. Rote Ampeln aktivieren den Verlustmodus, während Bandbreiten signalisieren, dass Streuung erwartet wird. Am meisten unterschätzt wird der Takt: Benartzi und Thaler haben 1995 mit dem Konzept der kurzsichtigen Verlustaversion gezeigt, dass Menschen umso risikoscheuer entscheiden, je häufiger sie ein Ergebnis bewerten. gut belegt Ein Innovationsvorhaben, das jede Woche auf dem Dashboard erscheint, wird im Rauschen seiner ersten Monate beerdigt, lange bevor es ein Signal liefern kann.
05Beispiel: Dasselbe Bereichsdashboard, zweimal gebaut
Das folgende Beispiel zeigt einen fiktiven Geschäftsbereich mit identischer Lage, einmal im üblichen Aufbau und einmal nach den Hebeln A bis G umgebaut. Alle Zahlen sind Beispielwerte. Beide Dashboards zeigen dasselbe Unternehmen, sie stellen seiner Führung aber verschiedene Fragen.