Das defensive Dashboard

Wie Kennzahlen das Verhalten eines Unternehmens bauen, warum sie es fast immer in Richtung Verteidigung bauen und wie man sie so umbaut, dass Innovation, Risiko und künftige Umsätze eine faire Chance bekommen.

Anfang der 2000er Jahre legten drei Finanzökonomen, John Graham, Campbell Harvey und Shivaram Rajgopal, 401 Finanzvorständen eine Frage vor, die eigentlich nur eine Antwort zulässt: Würden Sie ein Projekt starten, das dem Unternehmen nachweislich deutlich mehr einbringt, als es kostet? 55 Prozent antworteten, sie würden darauf verzichten, falls das Projekt sie im laufenden Quartal unter die Gewinnerwartung der Analysten drücken würde. Knapp 80 Prozent gaben an, sie würden Ausgaben für Forschung, Werbung und Instandhaltung kürzen, um ein Gewinnziel zu erreichen. gut belegt Bemerkenswert an diesen Antworten ist weniger die Kurzsichtigkeit, die man darin lesen kann, als die Gelassenheit, mit der sie zu Protokoll gegeben wurden, denn in der Welt, in der diese Menschen gemessen werden, sind sie schlicht vernünftig.

Jedes Unternehmen teilt seinen Mitarbeitenden über Kennzahlen mit, welches Verhalten gerade richtig war, und es tut das täglich und auf jeder Ebene, von der Quartalszahl des Vorstands bis zur Velocity eines Projektteams. Kennzahlen bilden damit die Signalschicht der Handlungsinfrastruktur eines Unternehmens, und wie jede Infrastruktur wirken sie am stärksten dort, wo niemand mehr hinsieht. Der vorige Artikel über die zwei Schwerkräfte hat beschrieben, warum ein Unternehmen lieber Aufwand vermeidet als das Ergebnis verbessert; dieser hier zeigt den Ort, an dem diese Schwerkraft jeden Morgen von Neuem wirkt.

Kernthese

Die Kennzahlen, an denen Menschen im Unternehmen täglich ablesen, ob ihr Handeln richtig war, formen deren Verhalten stärker als jedes Leitbild und jede Strategie.

Fast alle gängigen Kennzahlen, vom Vorstand bis zum Projekt, lassen sich am schnellsten verbessern, indem man weniger tut, weniger ändert und weniger wagt. Deshalb erzieht ein gewöhnliches Kennzahlensystem ein Unternehmen zur Verteidigung, ohne dass das je jemand beschlossen hat.

Wer mehr Innovation und mehr kalkuliertes Risiko will, muss deshalb nicht in erster Linie neue Kennzahlen hinzufügen, sondern die bestehenden umbauen: in ihrer Definition, ihrer Rahmung, ihrer Anordnung und dem Takt, in dem sie gezeigt werden.

Voraussetzung: Was angezeigt wird, was ausgezahlt wird und was zum Aufstieg führt, muss in dieselbe Richtung zeigen. Steht eine Innovationszahl auf dem Dashboard, während der Bonus am EBIT hängt, folgen die Menschen dem Bonus, und das Dashboard wird zur Dekoration. Steven Kerr hat diesen Mechanismus 1975 unter dem Titel „On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B“ beschrieben.

gut belegt Forschung mit breiter Evidenz Fallbeispiel dokumentierter Einzelfall Hypothese plausibel, wenig direkte Evidenz

01Analyse: Was auf den Bildschirmen steht

Wer durch die Dashboards eines durchschnittlichen mittelständischen Unternehmens oder Konzerns blättert, findet auf jeder Ebene erstaunlich ähnliche Zahlen. Liest man sie nicht als Messinstrumente, sondern als Anweisungen, ergibt sich ein ziemlich genaues Bild dessen, was die Organisation ihren Leuten tatsächlich beibringt.

EbeneAllgegenwärtige KennzahlenWas sie tatsächlich belohnenVorhersagbares Verhalten
Vorstand, C-LevelEBIT- oder EBITDA-Marge, Gewinn je Aktie, Free Cashflow, ROCE, Umsatzwachstum, Treue zur eigenen Prognoseverlässliche QuartaleForschung und Marketing als Puffer kürzen, Aktienrückkauf statt eigener Wette, Zukauf statt Eigenentwicklung, weil ein Zukauf in die Bilanz wandert und Entwicklung in den Aufwand
Bereichs- und SpartenleitungDeckungsbeitrag, Plan-Ist-Abweichung, OPEX, Headcount, BudgettreueVorhersagbarkeitvorsichtig planen, Restbudget im Dezember ausgeben, Stellen horten, im eigenen Silo optimieren
Controlling, EinkaufEinsparung gegenüber Vorjahr, Einstandspreis je Einheitsichtbare Kostensenkungbilligere Lieferanten wählen, deren Folgekosten in anderen Kostenstellen auftauchen
VertriebUmsatz gegen Quote, Abschlussquote, PipelineVolumen innerhalb der PeriodeRabatte zum Quartalsende, Bestandskunden statt neuer Märkte, Neuprodukte meiden, weil ihr Verkaufszyklus länger ist
Produktion, OperationsGesamtanlageneffektivität (OEE), Ausschuss, Stückkosten, TermintreueStabilitätProzessänderungen vermeiden, Pilotversuche abwehren, weil sie die OEE drücken
HRHeadcount, Kosten je Einstellung, Zeit bis zur Besetzung, Krankenquote, FluktuationVerwaltungseffizienzschnell und günstig besetzen statt passend, Ausnahmen vermeiden
IT, KundenserviceVerfügbarkeit, geschlossene Tickets, durchschnittliche Bearbeitungszeit, Service-LevelDurchsatzTickets schließen statt Probleme lösen, Gespräche kurz halten, Veränderung als Störung behandeln
ProjektTermin, Budget, Umfang, VelocityEinhaltung des PlansUmfang einfrieren, Puffer einbauen, Unerwartetes nicht melden, Lernen während des Projekts unterdrücken
Die rechte Spalte beschreibt Tendenzen, die aus der Bauart der Kennzahlen folgen, nicht das Verhalten jedes einzelnen Unternehmens.

Das Muster zieht sich durch alle acht Zeilen, und es hat eine Ursache, die tiefer liegt als die Ängstlichkeit einzelner Manager. Die Kennzahlen selbst sind so gebaut, dass sie Verteidigung schneller, sichtbarer und verlässlicher belohnen als jeden Vorstoß. Fünf strukturelle Eigenschaften erklären das.

Zeitasymmetrie. Ein neues Vorhaben kostet sofort, sicher und vollständig Geld, während sein Ertrag später, unsicher und oft verteilt auf Bereiche eintrifft, die ihn gar nicht als solchen erkennen. Die Buchhaltung verschärft diese Schieflage, denn Forschungskosten dürfen weder nach HGB § 248 Abs. 2 noch nach IAS 38 aktiviert werden, sodass jede Innovation im Zahlenwerk zuerst als Verschlechterung erscheint, oft über mehrere Jahre. Die eingangs zitierte Befragung zeigt, wie Führungskräfte darauf reagieren. gut belegt

Das Nennerproblem. Die meisten Steuerungsgrößen sind Verhältniszahlen, also Marge, Kapitalrendite oder Kosten je Einheit, und eine Verhältniszahl verbessert man am bequemsten, indem man den Nenner verkleinert, weniger investiert, auslagert oder etwas einstellt. Clayton Christensen hat das 2008 mit Stephen Kaufman und Willy Shih in „Innovation Killers“ beschrieben. gut belegt Boeing lieferte das Lehrstück dazu: Die Rendite auf das Nettovermögen trieb die weitreichende Auslagerung beim 787 voran, obwohl der eigene Ingenieur L. J. Hart-Smith 2001 in einem internen Papier vorgerechnet hatte, dass die Kosten der Auslagerung systematisch unterschätzt würden. Fallbeispiel

Unsichtbare Unterlassung. Das Projekt, das nie begonnen wurde, hat auf keinem Dashboard eine Zeile, und so steht der Mensch, der etwas versucht und scheitert, rot in der Tabelle, während der Mensch, der nichts versucht, nirgends erscheint. Die Psychologie kennt die Neigung, Schaden durch Handeln schwerer zu gewichten als Schaden durch Unterlassen, seit Ritov und Baron 1990 als Omission Bias. gut belegt Das Kennzahlensystem verstärkt diese Neigung, weil es Unterlassung technisch gar nicht darstellen kann.

Abweichungslogik. Controlling vergleicht fast überall Plan und Ist und belohnt damit nicht den geschaffenen Wert, sondern die Treffsicherheit der eigenen Prognose. Die Folgen sind bekannt: vorsichtig angesetzte Pläne, das Dezemberfieber, bei dem Restbudgets verbraucht werden, damit sie im Folgejahr nicht fehlen, und eine stille Abneigung gegen alles, was streut. Michael Jensen hat das 2001 in „Corporate Budgeting Is Broken, Let's Fix It“ auseinandergenommen. gut belegt Innovation ist ihrem Wesen nach Streuung, weshalb ein System, das Streuung bestraft, sie verlässlich verhindert.

Präzision schlägt Relevanz. Eine Kostenzahl ist exakt, einer Person zurechenbar und wöchentlich verfügbar, während der Wert einer Option auf ein künftiges Geschäft vage bleibt, allen gehört und sich spät zeigt. Im Meeting gewinnt das Präzise die Aufmerksamkeit, und wer die Aufmerksamkeit hat, bestimmt die Agenda. Daniel Yankelovich hat diesen Mechanismus nach dem US-Verteidigungsminister Robert McNamara benannt, der den Vietnamkrieg über zählbare Größen steuerte.

02Hypothese: Verhalten folgt der Bauart der Zahl

Aus diesen fünf Eigenschaften folgt eine Hypothese, die sich an jedem Unternehmen prüfen lässt: Wer die Bauart einer Kennzahl kennt, kann das Verhalten der Menschen, die an ihr gemessen werden, weitgehend vorhersagen, und zwar unabhängig davon, was im Leitbild steht. Die Vorhersage stützt sich auf sechs Prüffragen, die man an jede einzelne Kennzahl anlegen kann.

Prüffrage an die KennzahlAntwort, die defensives Verhalten vorhersagt
Lässt sie sich verbessern, indem man etwas unterlässt?Ja, etwa durch Kürzen, Auslagern, Nichtstarten
Kommt ihr Feedback schneller als die Wirkung des Handelns, das sie beurteilt?Ja, die Kosten erscheinen im Monat, der Nutzen in Jahren
Bestraft sie Abweichung, oder rechnet sie mit Streuung?Sie bestraft Abweichung in beide Richtungen
Macht sie einen Einzelnen für etwas verantwortlich, das nur das System beeinflussen kann?Ja, dann schützt sich der Einzelne
Was bleibt neben ihr unsichtbar?Verpasste Chancen, gestoppte Ideen, künftige Umsätze
Hängt Geld oder Karriere an ihr?Ja, dann wirken alle oben genannten Effekte verstärkt
Treffen die ersten drei Antworten zu, ist defensives Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Die sechste Frage bestimmt, wie stark.

Die Hypothese behauptet nicht, dass Menschen zynisch auf Zahlen reagieren, sondern dass sie lernen, und ein Kennzahlensystem ist ein Lehrer, der jeden Tag unterrichtet und dessen Lehrplan niemand geschrieben hat. Hypothese In ihren Bausteinen ist sie gut gestützt, als Gesamtmodell für ganze Organisationen ist sie bisher nicht systematisch getestet.

03Problem: Warum das teuer wird

Kosten lassen sich höchstens auf null senken, während Umsatz nach oben keine Grenze kennt, und in dieser schlichten Asymmetrie steckt das eigentliche Problem eines defensiven Kennzahlensystems: Es lenkt die gesamte Aufmerksamkeit einer Organisation auf die Seite der Rechnung, deren Ertrag begrenzt ist, und zieht sie von der Seite ab, deren Ertrag es nicht ist.

3M hat diese Verschiebung vorgeführt. Das Unternehmen hatte sich jahrzehntelang das Ziel gesetzt, rund 30 Prozent seines Umsatzes mit Produkten zu erzielen, die nur wenige Jahre alt sind. Nach der Einführung von Six Sigma unter James McNerney ab 2001 fiel dieser Anteil bis zu dessen Abschied 2005 auf rund 21 Prozent, und die Zeitschrift BusinessWeek beschrieb 2007 ausführlich, wie Effizienzmaßstäbe die Forschung erdrückt hatten. Fallbeispiel Bei Boeing sagte der damalige Chef der Verkehrsflugzeugsparte, Jim Albaugh, 2011 über das 787-Programm: „We spent a lot more money in trying to recover than we ever would have spent if we'd tried to keep the key technologies closer to home.“ Fallbeispiel

Der Schaden entsteht dabei nicht in einem einzigen Moment, der sich auf einem Dashboard zeigen würde, sondern als Summe tausender kleiner Entscheidungen, jede für sich vernünftig, bis eine Organisation ihre Fähigkeit zum Neuen verlernt hat und es erst bemerkt, wenn ein Wettbewerber sie vorführt. Wahrscheinlich verändert sich dabei auch die Belegschaft, weil Menschen, die gern etwas wagen, in einem solchen System selten befördert werden und früher gehen. Hypothese

Ein Kennzahlensystem ist ein Lehrer, der jeden Tag unterrichtet und dessen Lehrplan niemand geschrieben hat.

04Ansatz: Die Verlustaversion umlenken

Wer ein Dashboard entwirft, verlegt Gleise, auf denen später tausend kleine Entscheidungen ganz von selbst rollen, und die wirksamsten Umbauten versuchen nicht, die Verlustaversion der Menschen zu überwinden, sondern sie auf ein anderes Gleis zu setzen. Voraussetzung für alle folgenden Hebel ist die Kopplung aus der Kernthese: Anzeige, Auszahlung und Aufstieg müssen dieselbe Richtung haben. Die Buchstaben der Hebel tauchen im Dashboard-Beispiel unten wieder auf.

Warten als Kostenposition zeigen. Das Konzept dafür heißt Cost of Delay und stammt aus der Produktentwicklung: Jedes Vorhaben erhält eine Schätzung dafür, was ein Monat Verzögerung kostet, und damit landet die Zeit auf derselben Verlustseite, auf der heute nur das Budget steht. Abwarten ist dann nicht mehr die sichere, sondern die teure Option, und dieselbe Verlustaversion, die bisher Projekte verhindert hat, drängt nun auf Tempo.

Kosteneinsparung als Umschichtung zählen. Eine eingesparte Summe gilt erst dann als voller Erfolg, wenn sie innerhalb von zwölf Monaten in dokumentierte Wachstumswetten umgeschichtet wurde, sodass die neue Kennzahl die Umschichtungsquote ist und nicht die Einsparung allein. Wer spart, verfügt über einen Teil dieses Geldes selbst, und Sparen wird damit zum Mittel, eigene Vorhaben zu finanzieren. Aus Gain-Sharing-Modellen weiß man, dass Menschen gründlicher nach Einsparungen suchen, wenn sie einen Teil davon behalten. Hypothese Für die Umschichtungsquote in genau dieser Form fehlt belastbare Empirie.

Den Nenner schützen. Das interne Berichtswesen folgt keiner Bilanzvorschrift und darf deshalb ein Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen ausweisen, das laufende Geschäft und das Geschäft der Veränderung in getrennten Budgets führen und die Ausgaben für Neues aus der Marge herausnehmen, an der die Linie gemessen wird. Diese Trennung braucht eine Gegenkennzahl, weil sonst bald alles zur Zukunftsinvestition umetikettiert wird, und die beste Gegenkennzahl ist eine Kill-Rate, also der Anteil der Wetten, die nach vorher festgelegten Kriterien beendet wurden. Eine Kill-Rate von null ist dabei kein Erfolg, sondern ein Hinweis auf Innovationstheater.

Unterlassung sichtbar machen. Auf das Dashboard gehört eine Zeile für abgelehnte und gestoppte Vorhaben mit ihrem geschätzten Potenzial, und der Bestand an laufenden Wetten erscheint dort als Vermögensposition statt als Kostenblock. Eine Vitalitätsquote nach dem Vorbild von 3M, also der Umsatzanteil von Produkten, die jünger als wenige Jahre sind, zwingt die Führung, den Umsatz von morgen als Pflicht zu behandeln. Fallbeispiel

Getrennte Maßstäbe für getrennte Horizonte. Das Kerngeschäft darf weiter nach Effizienz gesteuert werden, während das Explorationsgeschäft Lernkennzahlen braucht: die Dauer eines Experimentierzyklus, die Zahl bestätigter und widerlegter Hypothesen, die Kosten je belastbarer Erkenntnis und die Kill-Rate. Eric Ries nennt das Innovation Accounting. Finanziert wird in Tranchen gegen Lernmeilensteine, so wie ein Risikokapitalgeber arbeitet, und diese Kennzahlen werden bewusst nicht in die Dashboards der Kostenstellen durchgereicht, wo man sie sofort mit Effizienzmaßstäben lesen würde.

Korridor und Erwartungswert statt Plantreue. Rollierende Prognosen und relative Ziele gegenüber Wettbewerbern ersetzen den starren Plan, und die Svenska Handelsbanken arbeitet seit den 1970er Jahren ohne klassische Budgets, womit sie zum Vorbild der Beyond-Budgeting-Bewegung wurde. Fallbeispiel Gustavo Manso hat 2011 theoretisch gezeigt, dass Anreize, die frühes Scheitern tolerieren und langfristigen Erfolg belohnen, Innovation begünstigen, und Azoulay, Graff Zivin und Manso haben das im selben Jahr an Forschern des Howard Hughes Medical Institute bestätigt, die mit längeren Förderzyklen und mehr Fehlertoleranz mehr Durchbrüche und zugleich mehr Fehlschläge produzierten als vergleichbare Forscher mit NIH-Förderung. gut belegt

Anordnung und Takt des Dashboards. Was oben links steht, bestimmt die erste Frage im Meeting, weshalb Optionsbestand und Pipeline dorthin gehören und nicht die Kostenabweichung. Andy Grove hat in „High Output Management“ empfohlen, jede Kennzahl mit einer Gegenkennzahl zu paaren, sodass die Kosten direkt neben dem Wachstum stehen, das sie ermöglichen. Rote Ampeln aktivieren den Verlustmodus, während Bandbreiten signalisieren, dass Streuung erwartet wird. Am meisten unterschätzt wird der Takt: Benartzi und Thaler haben 1995 mit dem Konzept der kurzsichtigen Verlustaversion gezeigt, dass Menschen umso risikoscheuer entscheiden, je häufiger sie ein Ergebnis bewerten. gut belegt Ein Innovationsvorhaben, das jede Woche auf dem Dashboard erscheint, wird im Rauschen seiner ersten Monate beerdigt, lange bevor es ein Signal liefern kann.

05Beispiel: Dasselbe Bereichsdashboard, zweimal gebaut

Das folgende Beispiel zeigt einen fiktiven Geschäftsbereich mit identischer Lage, einmal im üblichen Aufbau und einmal nach den Hebeln A bis G umgebaut. Alle Zahlen sind Beispielwerte. Beide Dashboards zeigen dasselbe Unternehmen, sie stellen seiner Führung aber verschiedene Fragen.

Bereichsreport Oktober
täglich aktualisiert · Plan-Ist-Ansicht
Vorher
OPEX gegenüber Plan
104,2 %
über Plan
Headcount gegenüber Plan
212von 205
7 über Plan
Budgetausschöpfung seit Jahresbeginn
81 %
unter Soll
Einsparungen gegenüber Vorjahr
1,8Mio. €
Ziel erreicht
EBIT-Marge
9,3 %
Ziel 11 %
Umsatz gegenüber Plan
98,6 %
knapp unter Plan
Projekte nach Ampel
ProjektTerminBudget
ERP-Migrationgrüngrün
Pilot Serviceplattformrotrot
Neues Preismodellgelbrot
Lieferantenkonsolidierunggrüngrün
Bereichsreport Q3
Zukunft quartalsweise · Betrieb monatlich
Nachher
Wettenbestand, erwartetes Umsatzpotenzial
D
6,5Mio. € p. a.
Spanne 2 bis 11 Mio. € · 14 laufende Wetten
Cost of Delay der drei größten Vorhaben
A
310T€ je Monat
so viel kostet jeder Monat Warten
Portfolio der Wetten nach Reifegrad
E
Erkunden 8 Validieren 4 Skalieren 2
Kill-Rate im Quartal: 5 von 19 Wetten nach Kriterium beendet (26 %) · mittlere Dauer eines Experimentierzyklus 3,5 Wochen
Einsparungen gegenüber Vorjahr
BG
1,8Mio. €
davon 62 % in Wetten umgeschichtet (Umschichtungsquote)
Vitalitätsquote
D
18 %
Umsatzanteil von Produkten, die jünger als 4 Jahre sind · Zielkorridor 25 bis 30 %
Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen
CG
11,4 %Marge
daneben Zukunftsinvestitionen: 2,1 Mio. € (Marge danach 9,3 %)
OPEX im Korridor
F
90 %100 %110 %
104 %, Korridor 97 bis 103 %
Nicht begonnen oder gestoppt
D
Abo-Modell Ersatzteile1,2 Mio. € p. a.abgelehnt in Q2 wegen Budgetgrenze · geschätztes Potenzial, Wiedervorlage Q4
Pilot Serviceplattformbeendetnach zwei Zyklen gestoppt, Hypothese widerlegt: Bestandskunden zahlen nicht für Selbstservice · Kosten der Erkenntnis 140 T€

Was das Vorher-Dashboard trainiert

Vier von sechs Kacheln lassen sich verbessern, indem man etwas unterlässt, eine fünfte drängt dazu, Restbudget noch auszugeben, und die einzige Kachel mit grünem Signal belohnt das Sparen. Die beiden roten Projekte sind genau die beiden Vorhaben, die neuen Umsatz schaffen könnten, und weil das Dashboard täglich rot leuchtet, werden sie im nächsten Meeting verteidigt statt bewertet. Eine Zeile für das, was nicht begonnen wurde, fehlt.

Was das Nachher-Dashboard trainiert

Die erste Zeile fragt nach der Zukunft und beziffert, was Warten kostet. Die Einsparung zählt erst über ihre Umschichtung, die Marge steht einmal vor und einmal nach den Zukunftsinvestitionen, und die Kostenabweichung erscheint neutral als Position im Korridor statt als rote Ampel. Der gestoppte Pilot taucht nicht als Versagen auf, sondern als bezahlte Erkenntnis.

Beide Dashboards zeigen denselben fiktiven Bereich mit denselben Grunddaten (Einsparung 1,8 Mio. €, Marge 9,3 % nach Investitionen, OPEX 104 % des Plans). Die Buchstaben verweisen auf die Hebel in Abschnitt 04.

06Ziel und Impact

Das Ziel des Umbaus ist ein Unternehmen, dessen Mitarbeitende aus ihren Kennzahlen täglich lernen, dass kalkulierte Wetten, schnelle Entscheidungen über deren Fortsetzung und die Umschichtung von Einsparungen in Wachstum das richtige Verhalten sind, ohne dass die Disziplin im Kerngeschäft verloren geht.

Die erwarteten Wirkungen lassen sich benennen und messen. Einsparungen werden als Finanzierungsquelle gesucht statt als Selbstzweck, was sich an der Umschichtungsquote ablesen lässt. Hypothese Vorhaben werden früher gestartet und früher beendet, was sich an kürzeren Experimentierzyklen und einer Kill-Rate deutlich über null zeigt. Hypothese Die Planung wird realistischer, weil Korridore weniger Anreiz zum vorsichtigen Ansetzen bieten als punktgenaue Pläne, wie die Erfahrungen der Beyond-Budgeting-Unternehmen nahelegen. Fallbeispiel Langfristig steigt die Vitalitätsquote, und sie ist die Kennzahl, an der sich der gesamte Umbau am Ende messen lassen muss.

Die Risiken sind ebenso benennbar. Innovationskennzahlen lassen sich leichter manipulieren als Kostenkennzahlen, weil eine Zahl wie „Anzahl der Ideen“ ohne Gegenkennzahl nur Ideentheater erzeugt, weshalb jede Zukunftskennzahl eine Kill-Rate oder ein dokumentiertes Abbruchkriterium neben sich braucht. Ein Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen lädt dazu ein, Betriebskosten umzuetikettieren, was sich nur durch klare Kriterien für eine Wette und durch deren regelmäßige Prüfung verhindern lässt. Und der Umbau wirkt nicht, solange Boni und Beförderungen weiter an den alten Zahlen hängen, denn Menschen lesen die Auszahlung genauer als jedes Dashboard.

Ein Unternehmen muss dafür nicht erst lernen, Risiken zu lieben, es muss vor allem aufhören, sich jeden Morgen zuerst daran zu erinnern, was es verlieren könnte. Welches Bild es stattdessen jeden Morgen zuerst sehen soll, ist eine der folgenreichsten Führungsentscheidungen überhaupt, und sie wird meistens von jemandem getroffen, der glaubt, er baue nur einen Bericht.

Schnelle Antworten

Schnelle Antworten: Das Wichtigste in Kürze

Warum belohnen die meisten Unternehmenskennzahlen defensives Verhalten?

Fast jede gängige Kennzahl, von der EBIT-Marge bis zur Velocity eines Projektteams, lässt sich am schnellsten verbessern, indem man weniger tut, weniger ändert und weniger wagt. In einer Befragung von 401 Finanzvorständen (Graham, Harvey, Rajgopal 2005) gaben 55 Prozent an, ein wertsteigerndes Projekt zu verschieben, wenn es die Quartalsprognose gefährdet.

Was ist die Signalschicht der Handlungsinfrastruktur?

Die Signalschicht ist die Ebene der Handlungsinfrastruktur, eines von Roman Rackwitz / Engaginglab geprägten Begriffs, auf der Kennzahlen den Mitarbeitenden täglich mitteilen, welches Verhalten gerade richtig war. Sie formt Verhalten stärker als jedes Leitbild und jede Strategie, weil Menschen aus Zahlen lernen, nicht aus Absichtserklärungen.

Was ist das Nennerproblem bei Kennzahlen?

Die meisten Steuerungsgrößen sind Verhältniszahlen wie Marge oder Kapitalrendite, und eine Verhältniszahl verbessert man am bequemsten, indem man den Nenner verkleinert, also weniger investiert oder etwas einstellt. Clayton Christensen, Stephen Kaufman und Willy Shih beschrieben das 2008 in „Innovation Killers“ als Grund, warum Finanzwerkzeuge Innovation verhindern.

Was ist der Omission Bias und was hat er mit Dashboards zu tun?

Der Omission Bias ist die von Ritov und Baron 1990 beschriebene Neigung, Schaden durch Handeln schwerer zu gewichten als Schaden durch Unterlassen. Ein Kennzahlensystem verstärkt ihn, weil das gescheiterte Projekt rot in der Tabelle steht, während das Projekt, das nie begonnen wurde, auf keinem Dashboard eine Zeile hat.

Was ist Cost of Delay?

Cost of Delay ist eine Schätzung dafür, was ein Monat Verzögerung ein Vorhaben kostet, ursprünglich aus der Produktentwicklung (Smith und Reinertsen 1991). Auf dem Dashboard sichtbar gemacht, verschiebt sie das Warten von der sicheren auf die teure Seite und dreht dieselbe Verlustaversion, die Projekte bisher verhindert hat, in Richtung Tempo.

Was ist eine Vitalitätsquote?

Die Vitalitätsquote ist der Umsatzanteil von Produkten, die jünger als wenige Jahre sind, bekannt geworden durch 3M mit einem Ziel von rund 30 Prozent. Nach der Einführung von Six Sigma unter James McNerney fiel dieser Anteil bei 3M bis 2005 auf rund 21 Prozent.

Was ist Beyond Budgeting?

Beyond Budgeting ist ein Steuerungsmodell mit rollierenden Prognosen und relativen Zielen statt starrem Jahresbudget, für das die Svenska Handelsbanken seit den 1970er Jahren als Vorbild gilt. Es bestraft Abweichung vom Plan nicht länger und nimmt damit den Anreiz, vorsichtig zu planen und Restbudgets zu verbrauchen.

Wie baut man ein Dashboard, das Innovation nicht bestraft?

Man macht Warten als Cost of Delay sichtbar, zählt Einsparungen erst über ihre Umschichtung in Wachstum, weist ein Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen aus und stellt Optionsbestand und gestoppte Wetten als eigene Zeilen dar. Voraussetzung ist, dass Anzeige, Auszahlung und Aufstieg dieselbe Richtung zeigen, ein Mechanismus, den Steven Kerr 1975 als „On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B“ beschrieb.

Ihr Dashboard erzieht Ihr Unternehmen jeden Tag

Engaginglab hilft Organisationen, die Signalschicht ihrer Handlungsinfrastruktur so umzubauen, dass Kennzahlen kalkuliertes Risiko und die Umschichtung von Einsparungen in Wachstum belohnen, ohne die Disziplin im Kerngeschäft zu verlieren.

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Häufig gestellte Fragen
Fast jede gängige Kennzahl, von der EBIT-Marge bis zur Velocity eines Projektteams, lässt sich am schnellsten verbessern, indem man weniger tut, weniger ändert und weniger wagt. In einer Befragung von 401 Finanzvorständen (Graham, Harvey, Rajgopal 2005) gaben 55 Prozent an, ein wertsteigerndes Projekt zu verschieben, wenn es die Quartalsprognose gefährdet.
Die Signalschicht ist die Ebene der Handlungsinfrastruktur, eines von Roman Rackwitz / Engaginglab geprägten Begriffs, auf der Kennzahlen den Mitarbeitenden täglich mitteilen, welches Verhalten gerade richtig war. Sie formt Verhalten stärker als jedes Leitbild und jede Strategie, weil Menschen aus Zahlen lernen, nicht aus Absichtserklärungen.
Cost of Delay ist eine Schätzung dafür, was ein Monat Verzögerung ein Vorhaben kostet, ursprünglich aus der Produktentwicklung (Smith und Reinertsen 1991). Auf dem Dashboard sichtbar gemacht, verschiebt sie das Warten von der sicheren auf die teure Seite und dreht dieselbe Verlustaversion, die Projekte bisher verhindert hat, in Richtung Tempo.
Man macht Warten als Cost of Delay sichtbar, zählt Einsparungen erst über ihre Umschichtung in Wachstum, weist ein Ergebnis vor Zukunftsinvestitionen aus und stellt Optionsbestand und gestoppte Wetten als eigene Zeilen dar. Voraussetzung ist, dass Anzeige, Auszahlung und Aufstieg dieselbe Richtung zeigen, ein Mechanismus, den Steven Kerr 1975 als „On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B“ beschrieb.

Quellen

  1. Graham, J. R., Harvey, C. R., Rajgopal, S. (2005): The economic implications of corporate financial reporting. Journal of Accounting and Economics 40, S. 3 bis 73. NBER Working Paper 10550
  2. Kerr, S. (1975): On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B. Academy of Management Journal 18(4).
  3. Christensen, C. M., Kaufman, S. P., Shih, W. C. (2008): Innovation Killers. How Financial Tools Destroy Your Capacity to Do New Things. Harvard Business Review, Januar 2008.
  4. Hart-Smith, L. J. (2001): Out-Sourced Profits. The Cornerstone of Successful Subcontracting. Boeing, internes Papier; Einordnung und Albaugh-Zitat: Calleam, Why Do Projects Fail?
  5. Ritov, I., Baron, J. (1990): Reluctance to vaccinate: Omission bias and ambiguity. Journal of Behavioral Decision Making 3(4).
  6. Jensen, M. C. (2001): Corporate Budgeting Is Broken, Let's Fix It. Harvard Business Review, November 2001.
  7. Hindo, B. (2007): At 3M, A Struggle Between Efficiency And Creativity. BusinessWeek, 11.06.2007.
  8. Benartzi, S., Thaler, R. H. (1995): Myopic Loss Aversion and the Equity Premium Puzzle. Quarterly Journal of Economics 110(1).
  9. Manso, G. (2011): Motivating Innovation. Journal of Finance 66(5).
  10. Azoulay, P., Graff Zivin, J. S., Manso, G. (2011): Incentives and creativity: evidence from the academic life sciences. RAND Journal of Economics 42(3).
  11. Grove, A. S. (1983): High Output Management. Random House.
  12. Ries, E. (2011): The Lean Startup. Crown Business.
  13. Hope, J., Fraser, R. (2003): Beyond Budgeting. Harvard Business School Press (zu Svenska Handelsbanken).
  14. Smith, P. G., Reinertsen, D. G. (1991): Developing Products in Half the Time. Van Nostrand Reinhold (zu Cost of Delay).
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